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Ab heute arbeite ich 60% Teilzeit für die nächsten 9 Monate.

Teilzeit - Schirmer

Mein erster Versuch 2011

Als ich 2011, nach über 20 Jahren Automotive-Entwicklung, meine „HR-Karriere“ in Hannover begann, habe ich den Job mit 75% Teilzeit begonnen. Es war großartig, dass Continental schon damals dieses Angebot machen konnte und für mein Pendeln zwischen Ingolstadt und Hannover (600km) schien das eine gute Option meinen Job und meine Familie mit Kind unter einen Hut zu bekommen.

Damals war ich einer der Projektleiter für die Einführung von Enterprise Social Networking und wollte natürlich beweisen, was alles geht. Sehr schnell kamen weitere globale Themen dazu wie unsere Kulturentwicklungsinitiative (OUR BASICS Mitarbeiter-Workshops, Werte-Material-Updates (unsere weltweit verfügbaren Broschüren) und kurz darauf der Aufbau des OCM – Organizational Change Management Frameworks für den weltweiten Personalbereich… sowie viele weitere kleinere Themen…

Das alles war sicher alles, nur kein Teilzeit-Aufgabenpaket, zumal ich damals niemanden hatte, an den etwas delegierbar gewesen wäre. Infolgedessen habe ich nach 9 Monaten die 75% Bezahlung für einen mehr als 100% Job aufgegeben.

Mein erster Teilzeit-Versuch 2011 war also gescheitert, da nur die Bezahlung, nicht aber die Menge der Aufgaben reduziert war…vermutlich ist das das größte Problem – auch für die Organisation, da die Aufgaben, die zu erledigen sind, ja nicht weniger werden.

Teilzeit ist für Unternehmen eine Herausforderung:
Reduziere, verfügbare (zeitliche) Arbeitsleistung

und für MitarbeiterInnen tatsächlich zu reduzieren!

Mein zweiter Versuch 2022

Ein Jahrzehnt später (ich bin jetzt 33 Jahre bei Conti) hoffe ich, reifer zu sein, was die Teilzeitarbeit als Executive/Führungskraft angeht. Ich habe mich schon seit einigen Monaten darauf vorbereitet. Das Dilemma ist übrigens noch das Gleiche: Als Executive gibt es neben der Erledigung der eigenen Aufgaben noch Führung, Organisationsentwicklung, fördern von Innovation und Kultur.. Meine Aufgaben sind also nach wie vor schwer zu reduzieren, da ich (wie viele Andere) mit sehr viel Passion auf „meinen Missionen“ unterwegs bin, und möchte natürlich meine Wirkung in der Organisation nicht einbüßen.

Diesmal nutze ich digitale Reputation und Skalierbarkeit,
Transparenz, Beteiligung und unserem
„New Work Style“ (weniger Aufwand, mehr Wirkung).

kurz: Effizienz und Wirksamkeit als Hebel

Als bisheriger Leiter des Projekts „Flexibilität 2.0“ bei Continental, das wir im Februar sehr erfolgreich abschließen konnten, möchte ich zudem auch die Projektergebnisse selbst erleben und Erfahrungen aus erster Hand sammeln – so wie ja schon seit vielen Jahren beim Thema „Arbeiten von zu Hause“. Diesmal ist mein Grund – wieder – meine Familie, Erziehung, Haushalt aber auch mein soziales Engagement, das meist nur nach den „Randzeiten“ möglich war.

Zudem möchte ich natürlich auch in meine Weiterbildung investieren, so konnte ich dank einer Einladung einen Beitrag zum PowerMBA zu leisten, ein paar Tickets für dieses großartig Programm bekommen. Dieses Program über mehrere Monate mache ich jetzt auch selbst, mit meinen Kollegen zusammen. https://www.thepowermba.com/de/thepowermba

The PowerMBA - Harald Schirmer
PowerMBA – Weiterbildung – Harald Schirmer

Transparenz und gemeinsam Lernen

Sowohl im Sozialen Netzwerk bei Continental als auch auf LinkedIn habe ich diese Entscheidung veröffentlicht. Ganz im Sinne von Working Out Loud gehe ich das Risiko ein hier sichtbar zu scheitern… oder eben gemeinsam zu lernen und vielleicht ein paar Dinge verbessern zu können.

Sicher nicht um das zu „feiern“, da Teilzeit + Familie/Haushalt/Schule/Soziales für viele Frauen ganz selbstverständlich ist – dazu in einem späteren Post.

Wie relevant ein Thema dann doch ist, bekommt man auf LinkedIn doch sehr schnell gespiegelt – so hat mein reiner Text-Post, ohne jede Grafik oder Video eine doch sehr ordentliche Zahl von Reaktionen erhalten:

Hier ein paar erste Antworten auf die Fragen im Post:

Bedeutet 60% Drei-Tage-Woche?

erst mal ja – es gäbe ja verschiedene Varianten:

  • 3 von 5 Tagen arbeiten (damit fange ich an)
  • Reduzierte Stunden arbeite, aber täglich z.B. 5 Std (braucht wohl meiste Diziplin – aufzuhören)
  • Blockweise (12 von 20 Tagen im Monat) – (wohl für die Kollegen/Themen schwer)

Du schaffst das auch in 60%

Ich glaube wir müssen auch ehrlich sein: in 60% kann man nicht 100% erreichen! Warum haben wird überhaupt diese Erwartungshaltung? (kein Vorwurf – Reflexionsfrage)
Würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass wir alle einfach nur zu lange brauchen für die Arbeit. Das trifft sicher nicht flächendeckend zu.

Wir sollten uns vielleicht mal das Arbeitszeitmodel ansehen und stellen vielleicht fest, dass Zeit nichtmehr die sinnvollste Größe für Wertstiftung und Entlohnung ist – zumindest in nichtproduktiven Bereich.

Vom Arbeitgeber vermutet, dass das Engagement nur vorgeschoben wird, um mehr „chill out“ Zeit zu bekommen.

Vielleicht kann hier Transparenz helfen! Nebenbei bin ich überzeugt, dass in der aktuellen Stress und Angstzeit – „Chill Out“ am Ende viel produktiver wäre (auch um Resilienz zu lernen) als durcharbeiten.

Wir sind (ich meine damit jene, die sich stetig weiterbilden) inzwischen so unglaublich effizient in der Zusammenarbeit wenn wir mit Netzwerken arbeiten – Vieles läuft tatsächlich parallel und skalierbar. Trotzdem halten wir am klassischen 8-5 Arbeitszeitmodell fest. Würden erreichte Ziele vergütet, müssten manche nur noch sehr wenig arbeiten.
Beispiel: ein Papier-gestützter Freigabeprozess, an Dokumenten seriell via eMail Pingpong zu arbeiten oder Produktentwicklung im Silo ohne Netzwerklernen – dauert mehrere Tage bis Wochen. Wir schaffen das in Minuten bis Stunden, mit besseren Ergebnissen, inklusive relevanz-orientiertem Marketing und erfolgreicheren Adoption.

Role Model – Vorbild!

Noch ist es ja so viel einfacher über Gelingendes zu sprechen. Oft fühlt es sich tatsächlich eher an wie „Durch den Tag scheitern“ – zu viele Kompromisse, zu wenig Zeit und Achtsamkeit… ich hoffe zu lernen… von Dir und den Anderen…

Vorbilder sind da aber eher all die Frauen und Mütter, für die das selbstverständlicher Alltag ist.

Gerade jetzt, wo wieder viele die Türe hinter sich zumachen und „einfach nur arbeiten gehen“ hoffe ich ein wenig für Balance sensibilisieren zu können.

Wir brauchen flexiblere Arbeitsmodelle auch im Produktionsumfeld

Es ist ein finanzieller Einschnitt, es wirkt scheinbar sofort als: „für den gehts nicht mehr weiter so“ (Aussage zu Karriere) – selbst fühlt es sich an, als müsse man sich rechtfertigen jetzt „faul“ zu sein.

Das die immer noch überwiegende (nicht selbstgewählte) Doppelbelastung Job+Kinder+Haushalt bei Frauen liegt, wird gern ignoriert.

Es ist zugegeben ein Luxus, es sich leisten zu können, zu reduzieren- gerade in der Zeit fühlt sich das schon seltsam an. Die Frage wäre, mit wie viel Geld, kommt man gut aus? Das hängt aber eventuell weniger am Geld als an den Ansprüchen.

Der Wert von Tätigkeiten

Das ist sicher eine spannende Diskussion: der Wert der Tätigkeiten. Egal ob Haushalt, Handwerk, Denken, Lernen, Pflege, Gesundheit usw.

Wobei ich lieber kein „Preisschild“ an alles hängen würde (was wohl am Einfachsten wäre, und aktuell die Tendenz scheint) sondern neben einer Grundvergütung Dinge als „solidarisch selbstverständlich“ sehen würde.

Woran bist Du 2011 gescheitert, was machst Du jetzt genau anders?

Werde das hier auch reflektieren: die wichtigste Frage dabei wohl: Wie geht sowohl maximales Engagement für eine Mission (Unternehmertum) UND die Disziplin aufzuhören und umzuschalten auf Papa, Partner, anderes… ohne Selbstausbeutung.

Selbstkritisch formuliert: einfach durch/weiterarbeiten ist viel einfacher als aufzuhören und Haushalt usw. – aber unfair

Es könnte jetzt funktionieren, da ich überzeugt bin, dass Transparenz (in Prozessen), frühe Beteiligung, cocreation ESN digitalTaskManagement … essentiell sind um asynchron zu arbeiten.

Deine Erfahrungen teilen

es gibt so viele wertvolle Initiativen, Themen und Aufgaben … nach 10 Stunden im Job kann man noch einiges rocken… nur wie lange (über die Lebenszeit hat man die Energie)? … und die Familie, der Haushalt, Hobbies, Gesundheit, Sport, Spiritualität…

Ich suche nach besseren Lösungen (am Ende ist es vermutlich die Einstellung, die sich am meisten ändern muss)

Ich hoffe, dass ich diesmal positive Erfahrungen zu meiner Teilzeiterfahrung weitergeben kann.

Hier ein paar generelle Dinge, die ich für wichtig halte:

  • Asynchrone Zusammenarbeit – Meine KollegInnen finden alle meine Themen, Antworten auf häufige Fragen, meine eigenen Erkenntnisse, Projekte und Initiativen in meinem ESN Profil.
  • Alle Dokumente, an denen ich arbeite, werden über Cloud und den Chat-Client von Anfang an freigegeben, so dass alle, mit denen ich arbeite, Lese- oder Schreibzugriff haben.
  • Mein Kalender ist sichtbar, auch die meisten Aufgaben (digital/Kanban) können von meinen Teams eingesehen werden.
  • Zusätzlich nutze ich den ESN Status Updates und Messenger/Kalender Status, um aktuell über Updates und Erreichbarkeit zu informieren.
  • Zu guter Letzt biete ich eine „Open Office Hours“ an, an denen ich für Ad-hoc-Fragen und einen effizienten Austausch ohne spezielle Meetings erreichbar bin (und bewerbe mich einfach anzurufen, wenn mein Status grün ist).

Ich freue mich mit und von Euch zu lernen – vielleicht können wir ja auch echte, funktionierende Alternativen erarbeiten, die Teilzeit für Arbeitgeber und ArbeitnehmerIn gleichermaßen wertvoll machen!