Umgang mit Vielfalt und Gegensätzen

Wir nehmen unsere Welt durch viele Filter wahr, teils die unserer Sinne (sie können nur einen begrenzten Teil wahrnehmen) – die dann wiederum vom Thalamus im Gehirn gefiltert werden. Teils werden Dinge gefiltert durch den Abgleich mit Bekanntem, Erwartbaren. Unbewegliches hat es schwerer als bewegliche Objekte… Aber auch das „Konstrukt unserer Wirklichkeit“ – schreiben diverse Psychologen wie Watzlawik oder Neurologen wie Jürgen Kornmeier – hat oft wenig mit der messbaren Realität zu tun. So liegt es nahe, dass es schier unmöglich ist, viele zu einer einheitlichen Meinung oder Zustimmung zu bringen.

Bekannt sind Versuche wie „Denke nicht an einen Elefanten“ … es klappt einfach nicht. Auch wenn man sich mit etwas beschäftigt (rote Autos) – sieht man sie fast überall. Es hat also einen großen Einfluss, in welcher Filterblase (Freunde, Chatrooms, Politischem Lager, Gesellschaftsschicht, Alter, Kultur…) wir aufwachsen oder beeinflusst werden.

Der verfahrene Stillstand?

Seit vielen Jahren sprechen wir von Veränderung und Transformation – und auf technischer Ebene passiert sehr viel. Nur wir Menschen, uns fällt es so schwer Verhalten und Sichtweisen in Frage zu stellen, oder diese gar zu ändern. So verharren wir in der Mehrheit im „Stammtisch-Quängeln“ über die Zustände, anstelle etwas zu unternehmen.

Wenn die Einfachkeit nicht mehr funktioniert

Ein, in meiner Beobachtung zentraler Aspekt ist der Wandel von einfachen Antworten zu einem respektvolleren und damit auch komplexeren Möglichkeitsraum. War es „früher“ sehr einfach für oder gegen etwas zu sein „Atomkraft nein danke“, „Haushalt oder Karriere“… passiert heute gefühlt alles gleichzeitig und lässt sich nur schwer ignorieren.

Atomkraft nein Danke
Atomkraft nein Danke

Ich bin zwar immernoch gegen Atomkraft, nur haben wir inzwischen so viele Brennstäbe, die noch Jahrtausende strahlen (und damit eine große Gefahr, aber auch Energiequelle sind). Deshalb macht es für mich heute Sinn, nach Möglichkeiten zu suchen, diesen „Müll“ sinnvoll und nachhaltig (auch respektvoll kommenden Generationen gegenüber) anders zu verwerten, als nur „einzugraben“ und zu hoffen, dass es niemals jemand findet.

Wir haben auch gelernt, das Dinge die für die Einen existenziell sind, für andere unwichtig, bis wir uns mit Lebensphasen oder anderen Kulturen beschäftigt haben – diese Transparenz und das Wissen hat uns gezeigt, das selbst Gegenteile auch für eine Person gleichzeitig sein können. Christliche Politiker*innen, die sich unchristlich verhalten, Klimawandelleugner, die bewusst Fahrrad fahren, Hierarchie, die Augenhöhe praktiziert und friedensliebende Parzifist*innen für Aufrüstung stimmen.

Bei kaum einem Thema ist es so deutlich wie bei dem Wunsch Frieden herzustellen: Die Einigkeit, keinen Krieg zu wollen, scheint groß (auch wenn es viele Profiteure davon gibt) – der Weg dahin spaltet enorm… in der entweder-oder Denkweise

Wie gelingt Frieden?

Es ist schwer geworden „eindeutig“ und „konsistent“ Stellung zu beziehen und danach zu leben… eine Haltungsänderung dazu ist diese, von:

entweder – oder
zu
sowohl als auch

Ein erster Ansatz:

In einer ersten Annährerung habe ich vor Jahren begonnen, das „entweder-oder“ nicht mehr zu trennen, sondern zu verbinden, um wie bei einem Schiebe-Regler auf einem Mischpult eine Positionierung – kontextbezogen herzustellen. Zugegeben immer noch eine Vereinfachung – aber mit dem Respekt und der Möglichkeit, das sich Dinge (auch sehr schnell) ändern können – oder sich deren Bedeutung und Priorität verändern kann.

Ich nenne es das Konzept der „konstruktiven Spannung“ um besser mit Komplexität umzugehen. Ziel ist nicht Harmonisierung oder Konflikt, sondern produktiv die Energie nutzen, die aus Gegensätzen entsteht. z.B:

  • Technik ↔ Mensch
  • Rebel ↔ Trusted
  • Zukunft ↔ Gegenwart
  • Irritation ↔ Vertrauen

Ich liebe die Natur, bin aber auch ein Technik-Nerd.

Mich interessiert, was bisher in unserer Geschichte passiert ist – gleichzeitig denke ich sehr gerne über mögliche Zukünfte nach.

Ich möchte „dazugehören“ aber auch wieder selbständig sein.

Als Organisationsrebell, der Transformation gestalten will, ist mir Vertrauen aufbauen enorm wichtig, UND damit etwas passiert, will ich (positiv, konstruktiv) irritieren, Zweifel auslösen – weil das starke Werkzeuge für Wandel sind,

Scheinbare Gegensätze nicht aufzulösen, sondern produktiv zu nutzen, half mir, der häufigen „schwarz-weiß“/„richtig-falsch“ Denkweise zu entkommen.​​​​​​​​​​​​​​​​

  • zusammen versus gegeneinander
  • voreingestellt offen versus voreingestellt geschlossen
  • verbinden versus schützen
  • Vereinfachung versus Komplexität
  • Verständnis versus Überzeugung
  • Kreativität versus Routine

Wir brauchen die Stabilität und Verlässlichkeit von Hierarchien, die Verantwortung übernehmen (gerne auch wieder konsequenter) und gleichzeitig können wir es uns nicht leisten, die Energie und Kraft dynamischer Netzwerke nicht zu nutzen. Vereinfachung und Fokus ist ein natürlicher Vorgang, wenn es um kleine Themen geht, bei großen oder langfristigen, ist es zerstörerisch, mit einer „OneSizeFitsAll“ Lösung zu kommen. Eine Mauer, Ausländer raus oder „Früher war alles besser“ wird weder Klimawandel, Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum, Einwanderung noch Kriminalität lösen – auch wenn uns das manch Staatenlenker oder Partei glauben machen möchte.

Die natürliche Vielfalt erleben…

Ich muss gestehen, das ich (als Techniker mit starkem Drang zur Logik) sehr gerne einfache Lösungen habe, einfache Antworten, die „richtig“ sind und beweise das auch gerne. Gleichzeitig beschäftige ich mich seit bald zwei Jahrzehnten mit Menschen, Bildung, Transformation, Beratung und auch ehrenamtlich mit Communities und Netzwerken. Aber auch meine Hobbies rund um die Natur, Fotografie, Nachhaltigkeit und Tiere halten mir immer deutlich vor Augen – es gibt nur selten ein 100% richtig oder falsch.

Mein Ansatz ist daher heute im ersten Schritt viel mehr ein „Fragender“ zu sein, zu beobachten und zu erleben, wovon andere sprechen, überzeugt sind oder was sie für „wahr“ halten. Das gelingt nicht immer, ist aber immer bereichernd (ohne natürlich alles übernehmen zu müssen oder zu wollen – z.B. in Gesprächen mit sehr anderen Überzeugungen).

Es hilft mir meine Antworten und Lösungen zu verfeinern, zu erweitern und bildet gleichzeitig eine bessere Vertrauensbasis für Gespräche und Begegnungen. Meinen Enthusiasmus möchte ich dadurch nicht reduzieren… und meine Werte und Überzeugungen kann ich so nicht nur hinterfragen, sondern dadurch auch stärken und „praktizieren“.

Wie geht ihr mit Vielfalt und Gegensätzen um?

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