Vorbildwirkung eine mächtige Macht

Die meisten Erklär-Modelle rund um die Vorbildfunktion beschreiben Vorbild als zusätzliche Eigenschaft guter Führung innerhalb bestehender Hierarchien – es ergänzt im besten Fall die durch ein Mandat, eine Rolle oder ein Kästchen im Organigramm verliehene Macht.

Auch dieser Beitrag gehört zu den Top 5 Tips für Führung in Komplexität! Es ist Teil 4: „Geh selbst voran“ – manche nennen das Leadership. Vorbilder sind für mich Menschen, die vorne weg gehen, die selbst Erfahrungen machen und diese teilen, andere neugierig machen und ermutigen, auch (Selbst-)Führung zu übernehmen. Evangelisten sind wichtig, sie zeichnen uns ein Bild von möglichen Zukünften… ein Vorbild, macht diese möglichen Zukünfte für mich erlebbar.

Top 5 Tipps für Führung in Komplexität
Top 5 Tipps für Führung in Komplexität

Für mich ist ein Vorbild sein einer der wichtigsten Hebel, wenn Macht ohne hierarchisches Mandat fehlt oder bewusst nicht genutzt wird – z.B. in Netzwerkstrukturen. … und hat nichts mit Arroganz, alles Wissen/Können oder anderen Überhöhungen zu tun.

Jede*r ist ein Vorbild
– wir entscheiden, womit wir andere beeinflussen

Eltern als Vorbild - KI generiert
Eltern als Vorbild – wirksamer als Sprache – KI generiert

Eltern sind es für ihre Kinder, Chefs für Mitarbeitende, Politiker*innen für Wähler*innen, Priester für Ihre Gemeinschaft, Wir alle, für unsere Mitmenschen – es ist eine der sehr effektiven Grundlagen für das von- und miteinander Lernen.

Menschen folgen Menschen, denen sie glauben (möchten), mit denen sie ihre Werte teilen, die für etwas stehen, das Ihnen selbst auch wichtig ist. All das kann man erst herausfinden, wenn ein Mindestmaß an Transparenz das „Handlen“ dieser Person sichtbar macht. Was vom Gesagten, jemand wirklich lebt, macht den Unterschied.

Vorbild muss nichts Großes sein

Keine Helden als Vorbild - KI generiert
Wir brauchen keine Helden als Vorbild
KI generiert

Dabei ist es nicht so wichtig große Dinge zu tun, ganz im Gegenteil. Selbst in der einzelnen, persönlichen Begegnung haben wir viele Möglichkeiten, unsere Werte sichtbar werden zu lassen, unseren Worten Taten folgen zu lassen, uns so zu verhalten, wie es unserer Haltung entspricht.

  • sich für andere einsetzen (fällt mir oft leichter als für mich selbst)
  • wirklich zuhören
  • Empathie zeigen
  • Aufstehen, wenn andere sitzen bleiben (bei Ungerechtigkeiten)
  • sich erinnern und danach handeln (was sich andere einmal gewünscht haben)
  • Menschen mit ihrem Namen ansprechen
  • Versprechen geben und einhalten

Das klingt eher nach „normalen“ Handlungen eines authentischen Menschen – kann heute jedoch einen großen Unterschied machen.

Was sagt die Literatur zur Vorbildwirkung?

Zum Thema Vorbild habe ich viele Erklärungen und Modelle gefunden – hier eine kleine Liste der wohl gängigsten im Organisationsentwicklungskontext – mit Fokus auf Kernthesen zu „Vorbild statt Ansage“

1. Social Learning Theory

Menschen lernen Verhalten primär durch Beobachtung und Nachahmung anderer – nicht durch Instruktion. Übertragen auf Führung: Mitarbeitende orientieren sich stärker daran, was Führungskräfte tun, als daran, was sie sagen. 📖

Bandura, A. (1977). Social Learning Theory. Prentice Hall.

https://www.simplypsychology.org/bandura.html

2. „Model the Way“ (The Leadership Challenge)

Führungskräfte müssen zuerst klären, wofür sie stehen (eigene Werte), und dann durch konsistente Handlungen zeigen, dass diese Werte gelten – „Do What You Say You Will Do“ (DWYSYWD).

Kouzes, J. & Posner, B. The Leadership Challenge.

https://www.leadershipchallenge.com/five-practices

3. Idealized Influence (Transformationale Führung)

Eines der „4 I’s“ transformationaler Führung: Charismatische/transformationale Führungskräfte wirken als Rollenvorbild, das Bewunderung, Respekt und Vertrauen erzeugt – Mitarbeitende identifizieren sich mit den Zielen, weil sie sich mit der Person identifizieren.

Bass, B. M. (1985). Leadership and Performance Beyond Expectations. Free Press.

https://www.businessballs.com/leadership-styles/four-is-transformational-leadership

4. Moral Person and Moral Manager

Ethisches Führungsverhalten wirkt nur, wenn es sichtbar vorgelebt wird („moral person“) UND aktiv kommuniziert wird („moral manager“). Reines Vorleben ohne Sichtbarkeit verpufft – Führung muss ihre Haltung sichtbar zeigen, nicht nur intern anders handeln.

Treviño, L. K., Hartman, L. P. & Brown, M. (2000). Moral Person and Moral Manager. California Management Review, 42(4), 128–142.

https://homepages.se.edu/cvonbergen/files/2012/12/Moral-Person-and-Moral-Manager_How-Executives-Develop-a-Reputation-for-Ethiccal-Leadership1.pdf

5. Servant Leadership

Der Führende dient zuerst, führt dann – Autorität entsteht aus dem, was man für andere tut, nicht aus Position. Nah an „Verantwortung abgeben, um Hilfe bitten“ als Führungsverhalten statt Statusdemonstration.

Greenleaf, R. K. (1970). The Servant as Leader.

https://www.regent.edu/wp-content/uploads/2020/12/stone_transformation_versus.pdf

6. Kultur durch Führungsverhalten

Kultur entsteht primär dadurch, worauf Führungskräfte Aufmerksamkeit richten, wie sie auf Krisen reagieren und was sie selbst vorleben – explizite Leitbilder sind zweitrangig gegenüber beobachtetem Verhalten.

Schein, E. H. (1985/1992). Organizational Culture and Leadership.

https://www.regent.edu/journal/emerging-leadership-journeys/transformational-leadership-the-impact-on-organizational-and-personal-outcomes

7. Referent Power

Klassifiziert „Vorbild-Macht“ als eigenständige Machtquelle – unabhängig von positionaler/disziplinarischer Macht. Referente und Experten-Macht existieren ohne formale Autorität und ohne Führungsspanne. Das ist die theoretische Untermauerung für „Führung ohne disziplinarische Macht“.

French, J. R. P. & Raven, B. (1959). The Bases of Social Power. In: Cartwright, D. (Hrsg.), Studies in Social Power.

https://en.wikipedia.org/wiki/French_and_Raven’s_bases_of_power

8. Authentic Leadership

Wirksames Vorbild erfordert wahrgenommene Authentizität – Führungskräfte, die Unsicherheiten und Grenzen zeigen, werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen als solche, die Perfektion inszenieren. Direkte Parallele zum „eigenen Kampf teilen“.

George, B. (2003). Authentic Leadership.

https://www.library.hbs.edu/working-knowledge/authentic-leadership-rediscovered


Vorbild durch Mandat, Rolle… (verliehen)

Menschen tendieren dazu besonders dann genau „hinzusehen“, wenn jemand eine Rolle oder ein Mandat zur Führung hat. Zum einen, um herauszufinden, wie diese Person agiert, wie Aussagen mit Handlungen übereinstimmen, wie verlässlich die Person ist – eignet sie sich als „gutes Vorbild“ oder eher als Abschreckung?

Führung bedeutet Vorbild sein - KI generiert
Führung bedeutet Vorbild sein – KI generiert

Zum anderen geht von der „künstlich erhöhten“ Position eine Gefahr aus. Wer sind nicht „konform“ verhält, läuft Gefahr benachteiligt zu werden. Stimmt Sprache mit Handlung überein, ist es gut einschätzbar – man weiß woran man bei der Person ist. Das gibt Sicherheit, selbst wenn es negatives (aber berechenbares) Verhalten ist.

Schwierig ist es bei Macht-Personen, die „unberechenbar“ sind – die Willkür „verzehrt“ einen großen Teil der Teamleistung, weil alle stetig „wachsam“ sein müssen, welcher Wind gerade wohl weht:

  • ist es opportun, es der Machtposition „gleich zu tun“? (oder wird das anmaßend gesehen)
  • leitet sich das gewünschte Verhalten aus Aussagen oder Vorleben ab?
  • unterscheidet sich das beobachtete Verhalten deutlich zwischen Gleichrangigen und Untergeordneten?
  • Ist das Machtpositions-Verhalten „sehr abhängig“ von darüberliegenden Hierarchien (oder sehr Wertestabil)

Eine verliehene Rolle kommt in meinen Augen immer mit einer großen Verantwortung, die erhöhte Sichtbarkeit in gleichem Maß Business- und „Gemeinwohl-orientiert“ auszufüllen. Selbst in den klassischen Management-Büchern (z.B. Peter Drucker) sprach man immer von der langfristigen Verantwortung für Ökologie, Soziologie und Ökonomie – wer nur nach Quartalszahlen führt, wird diesem Auftrag nicht gerecht.

Management müsse drei gleichermaßen wichtige,
jedoch sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen:
eine ökonomische Leistung erbringen,
Arbeit produktiv und zugleich für Mitarbeiter erfüllend zu organisieren,
sowie die sozialen Einwirkungen und Probleme zu managen.

So fasst es Peter Paschek (Mitherausgeber später Werke von Drucker) zusammen

Dieser ganzheitliche Ansatz von Führung hat in den letzten Jahrzehnten doch sehr stark gelitten… Wo sind die Vorbilder IN ORGANISATIONEN, die sich für Umweltschutz, Digitale Souveränität, Sozialen Ausgleich, nachhaltiges Wirtschaften, Ressourcenschonung… einsetzen. Es wurden oft extra Rollen dafür geschaffen – es out-gesourced. Das halte ich für einen großen Fehler.

Vorbildwirkung in Communities und Netzwerken

Wenn bewusste Vorbildwirkung in der Hierarchie ein wünschenswerter Zusatz ist, wird sie in Communities und vor Allem in Netzwerken zur absoluten Grundvoraussetzung.

Beide Organisationsformen vereinen einen hochen Freiheitsgrad. Es gibt das „verliehene“ Mandat nicht, man muss es sich erarbeiten. Durch Transparenz und Wirksamkeit entsteht ein vor“Bild“, das andere sehen und digital-skalierbar erleben können. In sozialen Netzwerken kann man einer Person folgen und beobachten, wie sie agiert, reagiert, interagiert. Welcher Ton bei anderen herrscht, wie jemand zu den Aussagen steht, was andere über die Person sagen oder schreiben.

Das muss nicht nur positiv sein, es muss aber wirksam – oder zumindest unterhaltsam sein. Wir folgen Menschen, die uns beeindrucken, von denen wir glauben, etwas lernen zu können, die uns zum Lachen oder nachdenken bringen. (Natürlich gibt es auch Mandats-träger*innen, denen man folgen kann)

Ein paar sehr aktive Vorbilder im Netz, denen Ihr folgen könnt:

  • Christian Kaiser steht für mich wie kein anderer für die Nutzung von Sozialen Medien zum Lernen und Kommunizieren
  • Katharina Krentz setzt sich unermüdlich für Vernetzung auf Augenhöhe und die Stärkung von Frauenstärken ein
  • Klaus Eck ist einer der „Corporate Influencer“, die meisterhaft persönliche Reputation im Einsatz für Organisationen skalieren hilft
  • Sebastian Kolberg bringt auf ganz besondere Weise menschenzentrierte Führung und Fachkompetenz zusammen – und macht die sichtbar
  • Sven Semet lebt soziales und fachliches Engagement auf einem sehr hohen Level, das ich immer wieder bewundere
  • Chérine De Bruijn versprüht auf unvergleichliche Weise Energie in Ihrer Mission Menschen in Ihre Persönlichkeit zu bringen
  • und so viele mehr…

Alle eint eine starke und in ihren Handlungen erlebbare Werte-Orientierung, eine große Zugewandtheit zu Menschen… und sie sind erfolgreich mit dem was aber vor allem wie sie es tun.

Vorbilder im Business-Alltag...  KI generiert
Vorbilder im Business-Alltag… Vorleben, was man sehen möchte.
KI generiert

Meine Tipps für Vorbilder:

Etwas tun, bevor es gefordert wird
Vorbilder handeln vor dem Appell.

Eine kleine Liste an sofort umsetzbaren Tipps um ein „besseres“ Vorbild zu werden:

  • stell Dir vor, Dir wichtige Menschen sehen, was du tust – handle danach
  • möchtest Du, das jemand anderes das auch mit Dir tut, was Du gerade machst?
  • teile Deinen Prozess – mit den relevanten Fragen – das macht glaubwürdig
  • Wertschätzung und Dankbarkeit sichtbar machen ist Kulturarbeit
  • Sich selbst und anderen mehr zutrauen – du wirst (positiv) überrascht sein
  • Um Hilfe bitten – schafft Beziehung und Co-Kreation

Ich überlege mir bei vielen meiner Tätigkeiten, wie ich diese so durchführe, dass ich damit auch andere Menschen begeistere, neugierig machen kann:

Als Working Out Loud bekannt wurde, habe ich nach einem Weg gesucht, diese Form von Lernen & Transparenz öffentlich vorleben, und habe mir 4 spannende Menschen gesucht, die mir mir WOL-Circles live auf Skype gestreamt haben. Ich habe es den „Blick über die digitale Schulter“ als Lernformat genannt → hier zu einem Blogeintrag

Trotz sehr großer Verlusste an Follower*innen und Kontakt zu vielen Freund*innen, lebe ich Digitale Souveränität & bewusste Technologienutzung – transparent und setze mich dafür ein, das die Vorteile von Fediverse und OpenSource erlebbar werden. → hier zu einem Blogeintrag

Seit 1996 teile ich mein Wissen und meine Erfahrungen hier in diesem Blog. Es ist mein persönliches, transparentes Wissesmanagement, was ich trotz vieler Rückschläge (aktuell KI und Umstellung von Algorithmen) weiterbetreibe.

So viel wird in der Presse und von „Expert*innen“ über flexible Arbeitsmodelle gesprochen. Ich habe sie – auch als Senior Executive – ausprobiert und über meine Erfahrungen geschrieben. → hier zu einem Blogeintrag

NewWork wollte ich nicht nur als Auftrag bei Continental einführen – jenseits der üblichen Kicker-Tisch-Diskussionen – sondern als einen ganzheitlichen Ansatz transformieren. (Mindset, Skillset, Toolset, Frameset). Mit knapp 2000 internen GUIDEs (Change Ambassadoren) und viel externer Sichtbarkeit habe ich in die vielen Aktionen immer wieder Einblick gegeben → hier zu einem Blogeintrag

Wenn es um Haltung und Mut geht, teile ich auch immer wieder eigene Erfahrungen mit Angst vor dem Scheitern → hier zu einem Blogeintrag oder wie Mut wirksam werden kann → hier zu einem Blogeintrag

Es gibt viele Beiträge zu Nachhaltigkeit & Wirksamkeit im Alltag rund um Energie, Mobilität, Sicherheit, Nachhaltigkeit… in Projekten, Initiativen, DoItYourself Beschreibungen und Gedanken, die ich dazu teile, um auch andere zu ermutigen, selbst aktiv zu werden.

Werde ein besseres Vorbild,
auch wenn niemand zuschaut.

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