Seid Ihr schon fertig – oder noch gar nicht angefangen?
Meine These vorweg: Es gibt keinen eindeutigen Zielzustand. Digitale Souveränität ist eine kontinuierliche Lernreise.

Seit einigen Jahren wird dieses Thema immer präsenter – in meiner aktiven Ansprache von Verantwortlichen aber auch über meine Arbeit mit L&D Expert*innen in der Corporate Learning Community, Schulen und Beratung wächst sehr langsam das „Bewusstsein“.
Priorität und Entscheidungen pro Digitale Souveränität sind jedoch, gerade in großen Organisationen, selten.
Dabei wissen wir eigentlich alles, was wir wissen müssen.
Wir wissen, wie wichtig es ist, unsere Daten zu schützen. Wir wissen um die potentiellen Gefahren von Abhängigkeiten – speziell in kritischen Prozessen oder unserer digitalen Infrastruktur. Wir wissen auch, dass wir das Produkt sind, wenn wir Plattformen oder Services umsonst nutzen – egal ob das eine Messenger-App oder ein KI-Agent ist. Wir wissen das seit vielen Jahren.
Und trotzdem passiert… wenig.
Bequemlichkeit ist kein Zufall – sie ist Geschäftsmodell
Es ist so schön bequem. „Alle anderen sind ja auch da.“ Die Beschäftigung mit Alternativen ist Aufwand, oft eine Investition in Zeit und Geld. Nicht immer ist klar, ob alle Funktionen, Kompatibilität oder Innovation gleichwertig ist – bei OpenSource oder dezentralen, lokalen Lösungen. (Manchmal sind sie übrigens auch besser!)
Was dabei gerne vergessen wird: Diese Bequemlichkeit ist kein glücklicher Zufall, sondern ein bewusst konstruiertes Geschäftsmodell. Die Algorithmen der großen Plattformen wurden in den vergangenen Jahren nicht für uns optimiert – sondern für Bildschirmzeit und Werbeeinnahmen. Was früher half, inspirierende Quellen zu finden, spannende Menschen zu vernetzen oder relevante Querverbindungen herzustellen, hat sich zu einer Aufmerksamkeitsmaschine entwickelt – oft auf Kosten unserer mentalen Gesundheit und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Das Traurige daran: das was ein Produkt oder einen Service zu Beginn so attraktiv gemacht hat, wird im Verlauf (Wenn das Startup oder die Organisation „mehr“ Geld verdienen will) zum kostenpflichtigen Abo. Beispiel LinkedIn: Nutzer*innen haben mit ihren Inhalten und Diskussionen, als Botschafter*innen und unbezahlte Ausbilder*innen diese Plattform groß gemacht. Inzwischen müssen auch Influencer*innen für Reichweite bezahlen. Die Inhalte werde einfach nicht mehr an das eigene Netzwerk ausgespielt – nach Relevanz und Nutzung (wie ursprünglich) sondern je nachdem, wie viel dafür bezahlt wird und wie sehr man sich an die Vorgaben eines Aufmerksamkeitsorientierten Algorithmus hält. Das ist auch bei YouTube so (weshalb in so gut wie jedem Video darum gebeten wird zu abonnieren, und „die Glocke“ zu aktivieren.
Auch unsere Medien leisten einen bedenklichen Anteil daran. Dauerte es Jahre, bis unsere klassischen Medien Soziale Netzwerk als wertvolle Quellen erkannten, machen sie inzwischen „immer noch“ unbezahlte Werbung für Plattformen – egal ob es um Nachrichten oder Beteiligungsformate geht. Als öffentlich-rechtliche kann es nicht ok sein „WhatsApp“ zu fördern, andere Messenger aber nicht.
Wir sind nicht nur das Produkt. Unsere Aufmerksamkeit, unsere Meinungen, unsere Verbindungen – das ist das Produkt.
Und dann kam noch die Macht-Frage dazu
Digitale Souveränität ist auch eine demokratische Frage.
Die aktuelle Situation – wenige große Firmen, meist mit Zentren in den USA oder China, zunehmend von mächtigen Einzelpersonen scheinbar unreglementiert gesteuert – verlangt nach einer ehrlichen Neubewertung unseres Verhaltens und der Nutzung deren Angebote. Monopole schaffen Preisdiktate, reduzieren Innovation und machen auf ungesunde Weise abhängig. Das war schon immer so – aber wenn solche Strukturen dann von einer Person „beherrscht“ oder von politischen Kräften gesteuert werden, gibt es kein gemeinwohlorientiertes Korrektiv mehr.
Ich bin nicht gegen Microsoft, Google oder Meta.
Ich bin gegen Monopole – und sehe Allein-Herrschende kritisch.
Das SecondSource-Prinzip: ein hilfreiches Risikomanagement
In der Automotive-Branche gilt eine eiserne Regel: Für jeden Lieferanten muss eine SecondSource gefunden werden – ein Ersatz, ein Zweitlieferant – nicht nur als „Ausfallschutz“, auch um Preisdiktate zu verhindern. Microsoft Office ist der quasi Standard für Text, Tabellen und Präsentationen. Die Lizenzkosten explodieren, Funktionen werden diktiert (KI) und der Einfluss auf Nutzung schwindet. Es gibt Alternativen, sogar extrem günstige mit vergleichbarer Ausstattung – warum traut sich da kaum eine Organisation ran?
Es geht nicht darum dem ersten Lieferanten zu misstrauen, sondern weil Abhängigkeit ein unternehmerisches Risiko ist. Bei Ausfällen, Lieferengpässen – und auch bei Preisverhandlungen.
Warum denken wir bei digitalen Tools nicht genauso?
Und hier ist ein Gedanke, der mir besonders wichtig ist:
Wir haben es selbst in der Hand, ob Monopole entstehen.
Indem wir nicht nur den Platzhirsch, die hippste App nutzen – sondern auch (ja, zusätzlich!) eine lokale oder OpenSource-Variante. Das ist wie die Shopping Mall, die so bequem ist – aber alle lokalen Händler ruiniert. Also: jedes zweite Mal ein Brot beim Bäcker, ein Buch beim Buchladen – oder eben einen sicheren Messenger nutzen, ein dezentrales soziales Netzwerk wie Mastodon ausprobieren.
Das hilft den Lokalen – und langfristig Euch. Weil wir dann künftig (immer noch) die Wahl haben und weniger abhängig sind.
Wir entscheiden mit jeder App-Wahl,
ob es morgen noch Alternativen gibt.
Hardware: Auch hier gibt es längst Alternativen
Bei Hardware gibt es zunehmend Alternativen für nachhaltige, reparierbare Smartphones und Rechner – lokale Anbieter und sichere Optionen für Neugeräte. Es gibt Laptops von europäischen Herstellern, Smartphone-Alternativen, Refurbished-Geräte mit Garantie. Günstiger, nachhaltiger – und oft unabhängiger.
In der Schule, die ich ehrenamtlich betreue, setzen wir inzwischen konsequent auf Refurbished-Geräte. Die sind deutlich günstiger, kommen mit Garantie und sind schon allein dadurch eine bessere Alternative. Es geht auch in kleinen Schritten.
Kein „Alles oder nichts“ – sondern ein erster Schritt
„Komplette Unabhängigkeit“ sollte nicht das Ziel sein. Zu teuer, innovationshemmend, und entgegen der wachsenden globalen Vernetzung. Wenn jede*r sein eigenes Ding macht, können wir keine komplexen Probleme lösen.
Aber: Viele Tools und Services kann man parallel betreiben – als ersten Schritt, ohne Risiko, ohne alles aufzugeben. Wer einmal wechselt, merkt dabei noch etwas: Es geht nicht darum, Knöpfe auswendig zu kennen, sondern Konzepte zu verstehen. Das hält fit im Kopf und reduziert Angst vor Neuem.
Digitale Souveränität trainiert den Change-Muskel.
Wähle ein Tool aus deinem Alltag –
z.B. Messenger, Suchmaschine oder Cloud-Speicher –
und teste eine Alternative parallel für 2 Wochen.
Du wirst überrascht sein, wie einfach der Wechsel oft ist.
Und dann gibt es auch keinen definierten, stabilen Endzustand. „Alles erledigt, fertig“ – dieses wünschenswerte Ergebnis kann nicht garantiert werden. Auch OpenSource und lokale Angebote unterliegen Veränderungen, werden von Menschen betrieben, manchmal verkauft oder gekauft. Das erfordert immer wieder Reflexion – und gelegentlich das Umschauen nach neuen Lösungen.
Das ist kein Bug, das ist das Feature einer bewussten digitalen Haltung.
Dezentral statt zentral – eine Konzeptfrage
Als Twitter zur Plattform X einer Einzelperson wurde, kam BlueSky als Hoffnung. Viele wechselten. Doch das Grundprinzip blieb gleich: zentrale Plattform, zentrale Datenhaltung, zentrale Kontrolle – und damit dasselbe Risiko, irgendwann wieder „übernommen“ zu werden.
Die eigentliche Alternative ist ein anderes Konzept: das Fediverse – ein föderiertes Plattform-Ökosystem ohne zentralistische Kontrolle. Viele Server, vielen Menschen und Organisationen gehörend, unabhängig voneinander, vernetzt über offene Standards. Mastodon statt X. Pixelfed statt Instagram. Hier habe ich das am Beispiel Fotografie beschrieben.
Es reicht nicht, von einer Plattform zur nächsten zu wandern, wenn das Grundprinzip gleich bleibt.
Wo anfangen? Das 5-Ebenen-Modell
Um konkreter zu werden, habe ich ein 5-Ebenen-Modell für digitale Souveränität entwickelt – von der Infrastruktur bis zur täglichen Software-Nutzung. Je höher die Ebene, desto einfacher und schneller lassen sich Veränderungen umsetzen. Starte oben, arbeite dich nach unten vor – oder dort, wo es für Dich passt – jeder Schritt zählt.
Ein Überblick über konkrete Alternativen – von Messenger bis Cloud, von Passwortmanager bis Betriebssystem – findet sich dort ausführlich. Hier nur drei Sofortmaßnahmen:
- Browser wechseln → Firefox oder Brave (5 Minuten, risikolos)
- Signal, Threema oder Nextcloud Talk statt WhatsApp → Ende-zu-Ende-verschlüsselt, werbefrei – hier der Messenger-Vergleich
- Passwortmanager einrichten → Umstieg in 4 Schritten
Wer noch tiefer einsteigen möchte: Risikominimierung durch Digitale Souveränität – mein Keynote-Beitrag mit dem 3-Schritte-Modell.
Dafür bin ich nicht zuständig/ das ist nicht meine Rolle/Aufgabe…
„Dafür bin ich nicht zuständig.” – Diesen Satz höre ich oft. Von Menschen, die keine Strategie- oder IT-Verantwortung haben, kein Budget, kein Mandat. Und ich verstehe ihn. Aber ich teile ihn nicht.
Digitale Souveränität braucht keine Stellenbeschreibung.
Sie braucht Menschen, die das Thema ansprechen – in Meetings, in Teams, in der Familie, im Verein. Die das Risiko benennen, auch wenn niemand danach gefragt hat. Die privat experimentieren, eine Alternative ausprobieren und davon erzählen. Die vorleben, dass Wechsel möglich ist – und sich dabei nicht als Expert*in verstehen müssen, sondern als neugierige Menschen mit Haltung.
Das ist Leadership. Nicht weil man ein Mandat hat – sondern weil man Digital bewusst handelt.
Gemeinsam geht es leichter
Den Wandel alleine anzugehen ist möglich – aber gemeinsam macht es mehr Spaß und geht schneller. Genau das steckt hinter dem Digital Independence Day (di.day): Jeden ersten Sonntag im Monat helfen sich Menschen dabei zu wechseln, zu lernen, Erfolge zu feiern und andere zu inspirieren.
Und in meiner LinkedIn-Gruppe „Digital Bewusst Handeln“ gibt es regelmäßig Tipps, Tricks und Quellen zu aktuellen Entwicklungen – kommt gerne dazu.
Wenn ich meine Welt ändere,
sehe ich eine veränderte Welt.
Wie geht Ihr damit um?
Wie handelt Ihr digital bewusst? Ethisch reflektiert, finanziell achtsam, monopol-verhindernd, lokal und dezentral stärkend, nachhaltig, diversifizierend?
Was war Euer erster Schritt – oder was hält Euch noch davon ab?
#DigitalBewusstHandeln – die Reise lohnt sich. Und sie hat kein Enddatum.
