Das Ziel eines bewussten, selbständigen und möglichst unabhängigen Umgangs mit digitalen Werkzeugen (Hardware und Software) ist heute wichtiger denn je.
Digitale Abhängigkeit entsteht, wenn wir durch fehlende Alternativen zu Technologie, Anbietern oder Infrastruktur gezwungen werden, die uns schaden können.
Digital Bewusst Handeln entsteht, wenn wir lernen,
welche Möglichkeiten wir haben und diese aktiv nutzen.Wenn wir uns damit auseinandersetzten,
welche Abhängigkeiten durch welche Maßnahmen umgangen werden können.Wenn wir Entscheidungen treffen,
Vielfalt zu fördern und Monopole weniger zu unterstützen.
Die aktuelle Situation
Die aktuelle Situation mit wenigen großen Firmen, „BigTech“ genannt, die meist in USA oder China ihre Zentren haben und in den letzten Jahren vermehrt von mächtigen Einzelpersonen – scheinbar unreglementiert – gesteuert werden, verlangt nach einer Neubewertung unseres Verhaltens und der Nutzung deren Angebote.
Laut der Nielsen Studie von 2024 heißt es: „Während über drei Viertel (76 %) der Befragten täglich WhatsApp nutzen, hat Instagram Facebook zum ersten Mal überholt: 36 % geben an, die Plattform mindestens täglich zu nutzen. Facebook liegt mit 35 % täglicher Nutzung an dritter Stelle, YouTube an vierter Stelle mit 33 % und TikTok an fünfter Stelle mit 18 %.“
Der große Wunsch nach „Einheitlichkeit“ und „Standards“ ist sehr nachvollziehbar, bequem und einfach. In Deutschland nutzen rund 76% WhatsApp (Nielsen 2024), Microsoft Office ist der „Quasi-Standard“ für Texte, Tabellen und Präsentationen, Google die – mit großem Abstand – meistgenutzte Suchmaschine oder Chrome bei Browsern, YouTube bei Video, Maps bei Karten… Amazon beim Shopping oder Datenspeichern, Paypal beim Bezahlen, ChatGPT bei KI oder Meta mit Facebook, Instagram und Co bei Sozialen Netzwerken.

Das führt zu einer ungesunden Abhängigkeit – völlig unabhängig von deren Qualität oder wertvollen Funktionen.
Bin ich gegen Microsoft, Google und Co?
Klares „Nein“.
Selbst arbeite ich seit den 80ern mit Microsoft-Produkten, und bin in der Regel unter den ersten, die neue Anbieter, Plattformen und Apps teste, nutze und damit auch unterstütze/promote. Auch geschäftlich habe ich die großen Plattformen installiert, früher geschult, eingeführt (auch global) und für deren sinnvolle Nutzung gesorgt. Es war und ist immer spannend zu sehen, wie sich diese Angebote weiterentwickeln. Viele großartige Menschen in diesen Organisationen konnte ich kennen lernen und mit Ihnen zusammenarbeiten.

Zwei Aspekte sind mir jedoch auch schon „vor“ den geo-politischen Veränderungen der letzten Jahre wichtig gewesen:
Ich bin gegen Monopole und
sehe Allein-Herrschende kritisch.
Monopole schaffen Preisdiktate, reduzieren Innovation und machen auf ungesunde Weise abhängig – das ist vor Allem seit Software nicht mehr verkauft, sondern nur noch lizensiert wird (Service-Abo) ein wachsendes Problem.
Wenn solche „Monopole“ dann von nur einer Person „beherrscht“ werden, bzw. an solche „verkauft“ werden oder von politischen Kräften missbraucht oder gesteuert werden, gibt es kein Gemeinwohl-orientiertes Korrektiv mehr.
Ich brauche aber diese Tools/Plattformen!?
Es ist eine individuelle Entscheidung, wie groß das Risiko, die Wirkung und die Dringlichkeit eines Wechsels ist.
Organisationen geben meist vor, mit welcher Software die Mitarbeiter*innen arbeiten müssen – und aktuell erlebe ich noch wenig aktive Auseinandersetzung mit Digitaler Souveränität. Da ich schon länger Digitale Transformationen begleite, und das ein für mich sehr relevanter Aspekt ist, spreche ich den immer an.
Jede*r Einzelne kann natürlich nachfragen, Initiativen starten, Graswurzelbewegungen oder Entscheiderinnen darauf ansprechen – oft geht mehr als man denkt.
Privat ist niemand gezwungen, bestimmte Plattformen zu nutzen, gleichwohl ist es schwer das eigene Umfeld aus einem „übermächtigen“ Tool (z.B. WhatsApp) herauszuholen. Da ich das seit vielen Jahren und in vielen Bereichen (Business, Vereine, Familie, Schule…) betreibe, kenne ich die Argumente und Schmerzen.
Und trotzdem gelingt es:
2025 haben wir unsere Schule komplett
mit 400 Kolleg*innen und Eltern
auf Nextcloud Talk umgestellt

Dafür braucht es Vorbilder und Transformationskompetenz… man kann das lernen 😉
Eine Lösung ist z.B. das eigene Risiko der Abhängigkeit dadurch zu minimieren, zwar die etablierten Lösungen weiter zu nutzen, aber parallel eine Alternative aufzubauen. Das geht oft auch automatisiert (z.B. bei sozialen Netzwerken). Oder man beginnt bei den persönlichen Daten, Dokumenten im geschützteren Rahmen.

Ich habe in vielen Plattformen sehr viel Zeit und Mühe investiert um Follower aufzubauen, die mir effizientes Lernen, Innovation und Problemlösung erlauben, Beziehungen über Distanzen ermöglichen und in vielen Bereichen gleichzeitig – mit geringem Aufwand „am Ball zu bleiben“ (oder vorne dabei).
Es tut natürlich weh,
vielfach sind die Plattformen die einzigen Orte, an denen man in Kontakt bleiben konnte.
all das, was man sich erarbeitet hat,
zu verlieren.
Um so wichtiger ist es, sich heute frühzeitig zu überlegen, welche „grundsätzlichen Konzepte“ möchte ich unterstützen.
Warum Dezentral-Vernetzt die bessere Alternative ist
Als die „Alternative“ für X (Twitter) „BlueSky“ kam, war die Hoffnung im ersten Moment groß, endlich wieder einen Ort zu haben, in dem es um wertvollen Austausch, Lernen, Sharing und unabhängige News aus aller Welt gab. Es wurde jedoch sehr schnell klar, dass das Grund-Konzept (zentrale Plattform mit zentraler Datenhaltung/Verarbeitung) das Gleiche war wie bei Twitter – und damit dem exakt gleichen Risiko irgendwann „übernommen“ zu werden ausgesetzt ist.
Die Alternative „Fediverse“ –
*(ein Netzwerk unabhängiger Server, die miteinander kommunizieren können)
also ein föderiertes Plattform-Ökosystem*
ohne zentralistische Kontrolle, Steuerung, Datenhaltung etc.
– ist dagegen ein anderes Konzept.
Es gibt viele Server, die vielen Menschen, Organisationen etc. gehören – unabhängig voneinander. Man kann sich vernetzen, Zugriff geben – oder eben nicht. Auch hier gibt es große Anbieter, aber auch Privatpersonen, die über OpenSource und harmonisierte Schnittstellen, barrierefreien (immer mehr) Formaten und dezentralen Regeln für die notwendige Vielfalt – und damit auch Ausfallsicherheit sorgen.
Da bei OpenSource der Quellcode frei zugänglich ist, kann man erkennen, was die Software mit den Daten anstellt, wo Daten erhoben werden und wie sie verarbeitet werden. Im Gegensatz zu den Algorithmen der „BigTech“, die in den vergangenen Jahren deutlich „gegen“ gesundes Allgemeinwohl entwickelt wurden. Was früher half, inspirierende Quellen zu finden, spannende Personen zu vernetzen oder relevante Querverbindungen über z.B. Hashtags zu erhalten, hat sich zu einer Maximierung von Bildschirmzeit und Werbeeinnahmen entwickelt – oft auf Kosten unserer mentalen Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Gibt es Alternativen? bzw. was kann man tun?
Für alle Systeme, Programme, Plattformen
und Hardware gibt es Alternativen.
Einige davon sind deutlich besser, günstiger und sogar einfacher, andere haben die Qualität oder Nutzbarkeit noch nicht erreicht (weil ihnen durch die fehlende Bekanntheit und Nutzer*innenzahlen das Kapital fehlt). In Europa und Deutschland gibt es sehr viele gute Lösungen, die neben einer höheren Unabhängigkeit von anderen Staaten und Personen auch lokale Arbeitsplätze fördern, Steuereinnahmen generieren und nicht zu vergessen unseren kulturellen „ethischen und moralischen“ Erwartungen näher sind.
Die Liste der Alternativen wächst stetig in allen Bereichen.
Wer tiefer einsteigen möchte, kann sich mein 5-Ebenen-Modell ansehen, in dem ich auf jede einzelne eingehe:

- Infrastruktur
- Hardware
- „Betriebs-„System
- Provider/Daten
- Software/Benutzerinterface/Apps
Programmiersprachen, Schnittstellen und Barrierefreiheit
Inzwischen würde ich noch eine weitere Ebene einführen: Programmiersprache und Schnittstellen/APIs
Während die „großen Anbieter“ über die Programmierung einen „Lock-In“ Effekt erzielen (leicht reinzukommen, schwer wieder raus – z.B. Daten bzw. nicht ohne Verluste wie Funktionen, Formate…), gehen viele OpenSource Lösungen den Weg eines universalen Standards, was den Wechsel vereinfacht, Kompatibilität erhöht und damit unabhängiger macht.
Beispiel: Text wird heute oft in „Markdown“ erstellt, was so gut wie jede Software lesen kann. Ein Word-File erfordert oft die Software und teils auch in der richtigen Version (Versuche ein 25 Jahre altes Word-File zu öffnen!)
Das ist besonders unter dem Aspekt der Barrierefreiheit wichtig, um niemanden auszugrenzen.
Konkrete Beispiele dominanter Plattformen und deren Alternativen
Hier einige Beispiele (natürlich unvollständig – nur als Inspiration):
Dominante Plattformen:
- Suchmaschinen: Google, Bing, Baidu
- Soziale Netzwerke: Facebook, Instagram, TikTok, X, LinkedIn…
- Messenger: WhatsApp, Telegram…
- E-Commerce: Amazon, eBay, PayPal, Alibaba, Temu…
- Video: YouTube, Netflix, Twitch…
- Software/Code: GitHub
- Künstliche Intelligenz: ChatGPT, CoPilot, Gemini…
- Cloud Speicher: Google Drive, Dropbox, OneDrive
- Office Software: Microsoft Office, Google Workspace, Apple Works, Adobe Suite
- eMail: Gmail, GMX, Web.de, Outlook (Microsoft Exchange)
Alternativen (vieles lässt sich auch mit wenigen Klicks bei einem DSGVO-konformen, deutschen Provider „selbst hosten“ – also betreiben, ohne tiefere IT Kenntnisse):
- Suchmaschinen/Browser: Ecosia, DuckDuckGo, Firefox
- Soziale Netzwerke: Mastodon, Pixelfed
- Messenger: Signal, Threema, Nextcloud Talk
- E-Commerce: Otto, Conrad, individuelle Händler*innen
- Video: PeerTube
- Cloud Speicher: Nextcloud
- Office Software: LibreOffice, Collabora Online
- eMail: Mailbox.org, Posteo, lokale Provider (eigene Domain)
Was kann ich schon bewegen?
Natürlich sehr viel.
Wenn ich meine Welt ändere,
sehe ich eine veränderte Welt.
Viele Tools und Services kann man ohne viel Risiko verändern oder im ersten Schritt auch parallel betreiben, um erste Erfahrungen und Sicherheit zu gewinnen.
Noch besser geht es natürlich wenn man das gemeinsam macht. Genau das haben sich die Initiator*innen des „Digital Independence Day“ (wie DigitalCourage, ChaosComputerClub…) gedacht und haben di.day gegründet. Jeden ersten Sonntag im Monat helfen sich Menschen dabei, zu „wechseln“, zu lernen und sprechen darüber, feiern Erfolge und inspirieren andere, es ihnen gleich zu tun.

Mark Uwe Kling hat dazu beim Chaos Computer Club eine humorvolle wie relevante Inspiration geliefert, die Ihr Euch hier im Video ansehen könnt:
Mit dabei sind viele Firmen und noch mehr Individuen, auch sehr bekannte, denen es lohnt zu folgen.
In meinem Umfeld bin ich schon länger unterwegs – privat, in meiner Arbeit und in verschiedenen Organisationen. Die Initiative verbindet sich übrigens auch sehr gut mit dem Bestreben nachhaltiger zu werden oder auch inzwischen finanziell weniger den stetigen Preissteigerungen ausgesetzt zu sein. Nicht zuletzt durch die stark getriebene Integration von KI in viele Tools von BigTech (die natürlich ihre hohen Investitionen durch höhere Abo-Kosten wieder zurückbekommen wollen).
Mach mit!
Damit lade ich Euch ein mitzumachen – und Eure Erfahrungen zu teilen, von und miteinander zu lernen und Stück für Stück wieder in eine gesunde, bewusste Selbstwirksamkeit zu kommen. Kontrolle über die eigenen Daten und die Sicherheit, viel weniger abhängig zu sein. Hashtag #DIDit
Ein guter erster Schritt:
Wähle ein Tool aus deinem Alltag
(z.B. Messenger, Suchmaschine oder Cloud-Speicher)
und teste eine Alternative parallel für 2 Wochen.Du wirst überrascht sein, wie einfach der Wechsel oft ist.
Nebenbei trainiert das Euren „Change-Muskel“ – das hält fit im Kopf und reduziert die Angst vor Neuem.
Mein persönlicher DIDit Status
Suchmaschinen/Browser: Ecosia, Firefox (seit langem 😉
Soziale Netzwerke: Mastodon, Pixelfed
- Mastodon: https://colearn.social/@haraldschirmer (seit 2020)
- Pixelfed: https://pixelfed.de/haraldschirmer (seit 2022)
Messenger: Signal, Threema, Nextcloud Talk
- Threema: 7M7NAHFZ (seit 2014)
- Signal: haraldschirmer.42 (seit 2023)
Cloud Speicher: Nextcloud (seit 2023)
Fotos: Flickr
- Flickr: https://www.flickr.com/photos/fotoschirmer (seit 2009)
Office Software: LibreOffice, Collabora Online (seit 2025)
Videokonferenz: BigBlueButton (seit 2026)
Wissen: Dokuwiki (seit 2025 wieder)
eMail: lokaler Provider (eigene Domain)
- eMail: mail@harald-schirmer.de (seit 2001)

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