Gedanken zum neuen Jahr 2026. Mein Wort für das kommende Jahr und meine neue berufliche Mission ist „Hingabe“. In der Reflexion der letzten Monate habe ich diesen Begriff immer wieder als besonders passend und wirksam erlebt.

Was ich damit genauer meine und worin ich die Vorteile sehe, möchte ich in diesem Beitrag beleuchten. Vielleicht hilft dir meine Reflexion, die eine oder andere Frage neu zu bewerten.
Hingabe ist für mich ein Begriff,
der eine tiefe emotionale und existenzielle Dimension
menschlichen Erlebens beschreibt.
Grundbedeutung „Hingabe“
Hingabe würde ich beschreiben als ein Sich-Überlassen, ein Sich-Einlassen auf etwas oder jemanden mit voller innerer Beteiligung. Es ist mehr als bloßes Tun – es beschreibt eine Haltung, bei der man sich mit ganzem Herzen einer Sache, Person oder Aufgabe widmet, ohne sich zurückzuhalten. Erwartungshaltungen, Rollenfestschreibungen oder sogar Furcht und Scham treten in den Hintergrund.
Bei der Arbeit oder in kreativen Tätigkeiten bezeichnet Hingabe jenen Zustand, in dem man völlig in einer Aufgabe aufgeht, sich mit Leidenschaft und Ausdauer einbringt – oft verbunden mit dem Gefühl von Sinnhaftigkeit und Erfüllung.
Wer sich mit Working Out Loud beschäftigt hat, kennt auch den Begriff „IKIGAI“, der damit in engem Zusammenhang steht.
Ambivalenz wie im Leben
Interessant ist für mich dabei die Spannung zwischen Hingabe als Stärke und möglicher Gefahr. Einerseits ermöglicht sie Tiefe, Erfüllung, Flow-Empfinden und außergewöhnliche Leistungen. Andererseits birgt sie das Risiko der Selbstaufgabe, wenn man sich zu sehr „verliert“ oder verausgabt oder in ungesunde Abhängigkeiten gerät.
Konstruktive Spannung als Praxis
In einer längeren „KI-Reflexions-Diskussion“ habe ich die „konstruktive Spannung“ als mein Konzept für Sowohl-als-auch statt Entweder-oder entdeckt. Es hilft mir, mit der Ambivalenz unserer Zeit umzugehen:
- Technik ↔ Mensch: Technologie nutzen UND Menschlichkeit fördern.
- Zukunft ↔ Gegenwart: erstrebenswerte Zukunft im hier und jetzt erlebbar machen.
- Irritation ↔ Vertrauen: Widersprüche aufzeigen und aushalten, ohne das Grundvertrauen zu verlieren.
- Individuum ↔ Gemeinschaft: Sowohl persönlicher Respekt als auch verbindende Solidarität…
Diese Spannungen nicht aufzulösen, sondern produktiv zu nutzen – das wäre angewandte Hingabe an Komplexität und Dynamik, an Vielfalt und Unsicherheit.
Hingabe, sich nicht der bequemen Vereinfachung hinzugeben,
sondern der natürlichen Wirklichkeit
in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit.
Die Spannung, die doch bleibt
Und doch: Die Spannung bleibt. Die Klimakrise löst sich nicht, weil wir gute Netzwerkorganisationen bauen. Herrschaftsphantasien verschwinden nicht, weil wir wertschätzend führen. Algorithmen werden nicht automatisch gut, weil wir digital souverän handeln.
Vielleicht ist genau das der Punkt:
Hingabe heißt nicht, dass man gewinnt.
Hingabe heißt, dass man dabei ist.
Mit Hingabe Neuem begegnen
“Explorieren und gestalten” sind für mich, wenn es darum geht, etwas zu ergründen oder zu meistern, eine sehr wirksame Kombination. Nicht passiv erleiden (“mal sehen, was passiert”), aber auch nicht kontrollieren wollen (“ich weiß genau, wie es wird”), sondern aktiv erkunden und dabei mitgestalten.
Hingabe als eine Art Forschungshaltung: die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen und zugleich die eigene Handschrift einzubringen.
Die existenzielle Qualität
– eine Welt-Haltungs-Frage?
Philosophisch hinterfragt, berührt Hingabe die Frage, wie wir uns zur Welt verhalten:
Bleiben wir distanzierte Beobachter oder wagen wir uns hinein ins volle Leben – mit all seinen Risiken? Hingabe erfordert Mut, denn sie bedeutet immer auch Kontrollverlust und die Möglichkeit der Enttäuschung. Das für mich positive daran – wenn ich mich nicht hingebe, werde ich von außen verändert – das fühlt sich meist noch schlechter an, als am Versuch zu scheitern.
Scheitern ist dabei auch viel kleiner, als es scheinen mag – es ist (dazu kommen wir später) für mich kein festes Projektziel mit Wasserfall-Meilensteinen, sondern ein Prozess, der jederzeit angepasst, intensiviert, verschoben, ausgesetzt werden kann (vor allem, wenn man rechtzeitig damit beginnt).
Aber wie können wir uns einer Welt hingeben,
die gleichzeitig so bedrohlich und so voller Potenzial ist?
Die Alternative, die keine ist: Nicht-Hingabe: Man hält sich heraus, entweder durch Ohnmacht oder durch Realitätsverweigerung.
Hingabe als bewusste Präsenz
Hingabe in diesem Kontext bedeutet für mich, sich der vollen Wirklichkeit zu stellen – mit all ihren Widersprüchen:
- In der Umwelt, die Klimakatastrophe nicht verdrängen, aber dennoch jeden Tag aufstehen und an persönlichen Lösungen arbeiten.
- In neuen Technologien z.B. Risiken von KI erkennen, aber neugierig bleiben, lernen, austauschen und verantwortungsvoll experimentieren.
- Im gesellschaftlichen/politischen die Rückkehr autoritärer Muster sehen, aber nicht in Zynismus verfallen, sondern demokratische, dezentrale Strukturen aktiv mitgestalten.
- Im „Kleinen“ im Job das augenscheinlich sinnlose Meeting durch wertstiftende Beiträge bereichern oder zum Aufbau von Beziehungen nutzen.
Wichtig, der Unterschied zwischen Hingabe und Naivität
Mit dieser Form der Hingabe meine ich nicht Blindheit. Sie sieht die Abgründe, die Komplexität, die Ungewissheit – und entscheidet sich dennoch für Engagement statt Rückzug. Das erfordert Mut: nicht als Unwissende, sondern zu ahnen, wie dünn das Eis ist, und trotzdem weiterzugehen.
Deshalb gefallen mir die beiden Begriffe Neugier und ZukunftsLust, weil sie das für mich sehr konkret ausdrücken.
Konkrete Formen dieser Hingabe
- Verantwortung übernehmen statt abzuwarten > Handlungsfähig werden
- Sich nicht passiv von Algorithmen in Plattformen lenken lassen, sondern aktiv entscheiden, wie wir Technologie nutzen.
- Nicht auf den großen Erlöser warten, sondern selbst im Kleinen Strukturen schaffen, die menschlicher, demokratischer, nachhaltiger sind > auch besprechen und klären, was das konkret bedeutet.
- Neue Kommunikationskanäle und asynchrone Arbeitsformen nicht nur konsumieren, sondern bewusst so gestalten, dass sie Gemeinwohl, Solidarität und Selbstbestimmung stärken.
Hingabe bedeutet für mich: akzeptieren, loslassen, handeln
akzeptieren, dass Bedrohungen real sind,
Kontrollillusionen loslassen (wir können nicht alles steuern)
und zugleich entschlossen handeln (wir können vieles beeinflussen).
Paradoxien aushalten lernen:
Sich hinzugeben an eine Aufgabe, deren Ausgang ungewiss ist. Zu arbeiten ohne Erfolgsgarantie. Zu gestalten, obwohl Zerstörung möglich bleibt. Dafür braucht es eine ausbalancierte Hingabe, die auch Grenzen kennt, Rückzug und Regeneration erlaubt und zwischen Engagement und Selbstfürsorge oszilliert.
- KI zu nutzen braucht zu viel Energie, sie nicht zu nutzen – ändert nichts daran > wie kann ich sie verantwortungsbewusst einsetzen, indem der tatsächliche Nutzen höher ist als der Schaden?
- Konsum so zu gestalten, dass eine derzeit noch nicht umgesetzte Kreislaufwirtschaft immer möglicher wird.
- Mobilität so zu verändern, dass Notwendigkeiten erfüllt, Unwichtiges unterlassen und für Erstrebenswertes bessere Lösungen gefunden werden können.
- Echte Zeit und Hingabe für die Familie und Gesundheit UND mit voller Hingabe beruflichen Einsatz bringen … da helfen mir in letzterem auch die „Begriffe“ aus den letzten Jahren: Effizienz, Beteiligung und Wirksamkeit
Vielleicht liegt auch eine Antwort in Hingabe, die sich mehr dem Prozess widmet, nicht nur dem Ergebnis. Freude finden am wertschätzenden Miteinander, an der Ko-Kreation, an kleinen Momenten von Souveränität und Menschlichkeit – unabhängig davon, ob wir die großen Katastrophen abwenden können.
Eine Hingabe, die ernst nimmt, was auf dem Spiel steht, aber dennoch sagt:
Ich bin dabei.
Ich gestalte mit.
Ich halte mich nicht heraus.
Hingabe als aktive Wahl
Es ist eine Entscheidung – die Frage ist, ob wir sie bewusst treffen:
- Der passive Weg: Man lässt sich von Entwicklungen treiben – von Algorithmen kuratieren, von Nachrichten lähmen, von der Komplexität überfordern. Das ist Hingabe im Sinne von Auslieferung.
- Der gestaltende Weg: Man entscheidet sich bewusst, wofür man sich hingibt – für digitale Souveränität statt Abhängigkeit, für wertschätzende Führung statt Herrschaft, für Ko-Kreation statt Konkurrenz. Das ist Hingabe im Sinne von Engagement.
Diese Unterscheidung habe ich viele Jahre auch als „Mantra“ für das globale GUIDE-Netzwerk (Transformationsbegleiter*innen) verwendet:
„GUIDE or be guided“
– also „Führe oder werde geführt“ – Viele der GUIDEs – egal aus welchem kulturellen Kontext – erlebten sich damit als selbstwirksam und sind unglaublich gewachsen… viele auch zu Führungskräften. (oft auch zur Überraschung ihrer Führungskräfte, die sich plötzlich Personen gegenübersahen, die mitgestalten wollten, Verantwortung übernehmen und aktiv „dabei sein“ wollten.)
… eigentlich gehts noch weiter, aber ich möchte es am ersten Tag auch nicht überziehen 😉
Vielen Dank fürs Lesen und Mitdenken – gerne Feedback dazu!

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