NextCloud Summit 2025 – Wir brauchen OpenSource!

Open Source: Zwischen großartigen Visionen, tollen Produkten und immernoch komplexer Realität – Ein persönlicher Blick nach vorn entlang der Konferenz Agenda.

NEXTCLOUD SUMMIT 2025 IN MÜNCHEN

Der erste Nextcloud Summit mit ca. 600 registrierten Teilnehmern war ein eindrucksvolles Erlebnis. Moderatorin Nina Müller eröffnete eine Veranstaltung, die mich sowohl inspiriert als auch nachdenklich gestimmt hat. Was ich dort erlebt habe, wirft wichtige Fragen auf – Fragen, die wir gemeinsam angehen sollten, wenn wir das wahre Potenzial von Open Source ausschöpfen wollen.

Was ich gesehen habe – und was mich bewegt

Frank Karlitschek

Frank Karlitschek, der Gründer von Nextcloud, brachte die aktuelle politische Relevanz von Open Source auf den Punkt:

  • Wer hostet eigentlich unsere Daten? (USA & China)
  • Was passiert, wenn jemand Zölle auf Software oder Daten erhebt
  • Was tun wir, wenn jemand (BigTech/Herrscher) sein Monopol nutzt, um Services zu stoppen oder zu ändern, auf die Ihr Unternehmen angewiesen ist?

Im Kontrast dazu die relevanten Vorteile von Opensource – Nextcloud:

Vorteile von Nextcloud

Es war wunderbar, so viele Menschen zu treffen, die sich für digitale Souveränität einsetzen. Besonders inspirierend war Sven Thomsen, CIO von Schleswig-Holstein, mit seiner klaren Botschaft: „Einfach machen!“ – keine Zeit mit Papieren, Präsentationen und Überzeugungsarbeit verschwenden, sondern:

installieren, ausprobieren, lernen und gemeinsam entwickeln.

Gleichzeitig konnte ich nicht übersehen, dass die Anwesenden (Entscheidungsträgern) – in einer Art Warteposition verharren. Wir sprechen im Konjunktiv: „Das müsste man…“, „Das könnte funktionieren…“, „Das hätte Potenzial…“, „Wenn endlich die… würden“. Aber warum reden wir nicht im Indikativ?


Warum sagen wir nicht:
„Das machen wir … jetzt, gemeinsam“?

Ein Vorschlag: „Wie wäre es, wenn wir gemeinsam einen Deutschland-Hackathon organisieren um OpenSource nach vorne zu bringen, mit Interessierten passende, integrierte, leicht nutzbare Lösungen zu gestalten?“ Die Reaktionen waren bezeichnend – auf der Bühne hörte ich von großartigen Möglichkeiten und dem „Window of Opportunity“, in den Gesprächen danach leider fast durchgängig: „Das ist schwer“, „Das geht nicht, ist kompliziert“, „Darauf warten wir schon ewig.“

Erfolgsgeschichten als Hoffnungsträger

Gleichzeitig gab es ermutigende Beispiele: Die Universität Münster teilt ihre langjährigen Erfahrungen mit Nextcloud für über 200.000 Nutzer. Dr. Holger Angenent zeigte, dass es funktioniert – in großem Maßstab. Und Schleswig-Holstein wurde nicht umsonst mit dem Nextcloud Award für die beste Implementierung ausgezeichnet.

Sven Thomsens Ansatz – „Community is King“ – hat mich besonders beeindruckt. Seine Erfahrung: Migration wird oft als „jemand nimmt den Menschen etwas weg“ wahrgenommen. Entscheidend ist es, den Wert und die Verbesserungen aus DEREN Perspektive zu demonstrieren, idealerweise durch freiwillige Pilot-Teams, die ihre persönlichen Erfolgsgeschichten teilen können.

Die Einfachheit/Leichtigkeit fehlt – das hat uns USA voraus

Gibt es eine neue App, oder ein Startup legt los, gibt es ein „MVP“ (Minimum Viable Product), das in der Regel mit minimalem Aufwand und ja, kostenlos – getestet werden kann. Mit der Nutzung und den Rückmeldungen LERNT das Startup und skaliert über Funding (ein großer Knackpunkt in Deutschland – wir riskieren sehr wenig). Sobald die kritische Menge an Nutzern erreicht ist, kommen kostenpflichtige Services dazu (leider meist einfallslos Werbung einblenden und Daten verkaufen)

Eine zentrale Erkenntnis meiner Gespräche mit den OpenSource Anbietern war anders: Ich stellte verschiedenen Anbietern eine Frage: „Was brauche ich, um Euer Produkt mit 70, 500 oder 11.000 Menschen zu nutzen?“ Als Ergebnis habe ich jetzt einen „Sack voll Termine“ mit Sales, Marketing und Sales Engineering… um meine genauen Bedarfe zu klären und ein „Service-Paket“ individuell zu bauen – keine Ahnung ob es vom Aufwand, Preis, Leistung vergleichbar mit einer Microsoft, Google, Apple… Lizenz ist.

Ist das Geschäftsmodell bei Open Source – „Service für künstlich komplizierter Aufwand“?

Mit etwas IT Hintergrund ist klar, dass es zusätzlicher „Produkte“ bedarf, um Videokonferenzen in Talk (Turn Server, SIP Server), OpenOffice Collabora (Docker), OpenProject… sicher und stabil zu betreiben. Wenn dem jedoch immer so ist, warum dann nicht einfache Pakete schnüren, die ein mittel-ausgebildeter Admin einer Schule, eine kleine IT Gruppe einer Stadtverwaltung oder der enthusiastische VereinsAdmin auch ohne Linux-Hochschulstudium installieren und betreiben kann?

Stellen wir uns vor:
WhatsApp bräuchte zur Nutzung noch die Installation, Konfiguration und stetige Wartung
eines „TURN-Servers“, den sich jeder leider zusätzlich bei einem anderen Anbieter kaufen muss!

Zumindest die großen Hoster bieten immer mehr „einfache“ Pakete an, die leider sehr schnell an Ihre Grenzen kommen: (Kosten monatlich)

  • Level 0 (kostenlos/testen): Warum existiert dieser praktisch nicht? Neugier ensteht durch ERLEBEN!!
  • Level 1 (managed, gehostet): ab ca. 5€ – nur Basics, oft nicht erweiterbar: Eine Sackgasse, weil für jede relevante Erweiterung Serverzugang notwendig ist.
  • Level 2 (Virtual managed Server): um ca. 50€ – Provider kümmert sich um Sicherheit und Wartung: Auch damit kann man relevante Funktionen nicht „nutzen“
  • Level 3 (Root Server, Enterprise Lizenz): > 150€ plus IT-Personal – Verantwortung und Aufwand für „alles“ – das kann ein einzelner Admin nicht leisten, bzw. ist ein 24/7 Vollzeitjob

Meine zentrale Frage ist:

Führt das Service-orientierte Geschäftsmodell dazu,
dass Lösungen komplizierter gemacht werden,
als sie sein müssen?

Viele Anbieter scheinen nicht primär mit der Software selbst Geld zu verdienen, sondern durch den Verkauf von Services drumherum. Aber müssen diese Services wirklich so aufwändig, undurchsichtig sein? Oder entsteht hier manchmal künstliche Komplexität, weil das Geschäftsmodell darauf angewiesen ist?

Aus der Perspektive eines Nutzers:

Die Logik das „eines zum anderen kommt“ scheint nicht: „Ich kaufe ein Auto – da wäre eine Garage gut“
sondern: „Das Auto ist umsonst, hat aber kein Lenkrad, das haben wir nicht – finde selbst eines, und damit du richtig fahren kannst, brauchst Du eine Bohrinsel – die musst Du aber selbst betreiben“

Fair ist dies Betrachtung natürlich auch nicht. „Die Großen“ stellen einfach mit großem Kapital alles Notwendige zur Verfügung oder stellen „Mindestanforderungen“ an den Rechner oder Browser. OpenSource Nextcloud kann man auf einer „Ein-Chip-Platine“ (z.B. RaspberryPi) oder einer Serverfarm laufen lassen. Es funktioniert für die Einzelperson genau so, wie für eine Uni mit 200.000 Leuten – auf so gut wie allen Betriebssystemen. Es ist also die „Infrastruktur“ um die sich jeder selbst kümmern muss – und die kostet. Server, Bandbreite, Speicherplatz plus die immer relevanten Funktionen wie Backup, Single-Sign-On, Domain usw.

Open Source heißt auch nicht „umsonst“, sondern das der Quellcode einsehbar ist und man diesen auch weiterentwicklen (Branchen) darf etc. Es gibt viele verschiedene Geschäftsmodelle und einige scheinen sich erfolgreich etabliert zu haben

Doch Open Source ist so essentiell – gerade jetzt!

Markus Noga von IONOS stellte auf dem Panel eine wichtige Frage: „Wie können wir sicherstellen, dass unsere Daten, die wir bei der Nutzung von KI eingeben, nicht Bedrohungen durch KI-Gesetze (aus dem Ausland) ausgesetzt sind – wie die Weitergabe ohne unsere Erlaubnis verhindert wird oder das komplette Abschneiden von unseren eigenen Daten?“ Ich bin ziemlich sicher, dass die Wenigsten, die heute ganz selbstverständlich ChatGPT nutzen oder sich nicht ausdrücklich gegen die AGB-Änderung bei Meta zur Nutzung persönlicher Daten gewehrt haben – wissen, was sie da alles abgeben.

Ein großes Versprechen von OpenSource:
Kein Vendor Lock-In

also das verhindern eines Anbieters mit den eigenen Daten woanders hinzugehen

Warum erlebe ich bei verschiedenen deutschen Anbietern – nicht nur IONOS – dass ausgerechnet dort, wo Open Source als Alternative zu Vendor-Lock-ins beworben wird, manchmal genau das Gegenteil passiert? Notwendige Funktionen und Möglichkeiten werden entfernt, erschwert oder der Zugriff verwehrt: Backups, Migration, Datenbankzugriff – ohne den kaum ein relevantes Anpassen möglich ist. (Das das auch teils technische Hintergründe hat, ist mir bewusst, ich konnte darüber aber keine Warn-Hinweise finden)

Könnte es sein, dass wir ein strukturelles Problem haben? Wenn Anbieter ihr Geld hauptsächlich mit Services verdienen müssen, entsteht dann nicht automatisch ein Anreiz, diese BezahlServices unverzichtbar zu machen – auch wenn die zugrundeliegende Software eigentlich einfacher nutzbar wäre?

Die vorgestellten Tools SIND BEINDRUCKEND!

Seit ich im OpenSource-Ecosystem unterwegs bin und dafür werbe, bekomme ich oft die Frage: „Ist es vergleichbar mit den Großen Anbietern?“ – die Antwort ist eindeutig JA… und es gibt relevante Sicherheit, mehr Unabhängigkeit und diverse sehr smarte Funktionen, die man bei den Etablierten nicht findet. Die Entwicklung ist an einigen Stellen noch hinterher – jedoch:

mit enormer Aufholgeschwindigkeit –
und das mit einem Bruchteil an Personal und Budget.
Das verdient absolute Anerkennung und Unterstützung!

Dabei ist z.B. das neue Nextcloud Talk wirklich beeindruckend – Johannes Poortvliet zeigte Features, die an einigen Stellen sogar besser als die etablierten Branchenlösungen sind:

  • vollständige Inline-Bearbeitung im Chat
  • volle Telefonintegration, automatische Weiterleitung
  • Chat an/zu allen Objekten
  • smarte zeitgesteuerte Chat-Anzeige von Meetings
  • SecureView zum Dokumentenschutz
  • erweiterte Sidebar sehr durchdacht und innovativ

Warum ich trotzdem optimistisch bin – und was wir gemeinsam erreichen können

Trotz dieser Fragen bin ich überzeugt:

Open Source ist großartig und notwendig.

Das Panel mit Alexandra Geese (EU-Parlament) und Cristina Caffarra machte deutlich: Europa hat ein großes Fenster der Gelegenheiten als weltweites Vorbild für Freiheit und vertrauensvolle Gesetze. Wir können diese neue Anziehungskraft auf Talente weltweit nutzen, um unsere eigene Position zu stärken.

Seit sechs Monaten sehen wir einen großen Anstieg des Interesses an Open Source. Das wird wohl nachhaltig sein, da das Vertrauen in die USA schwer angeschlagen ist und lange Zeit brauchen wird, um wiederhergestellt zu werden – eine große Chance für alternative Lösungen.

Das Risiko, das wir eingehen, wenn wir weiter so abhängig von BigTech und anderen Regierungen bleiben, ist real und groß. Die Alternativen existieren bereits, und es ist beeindruckend, wie wenige Menschen so großartige Produkte entwickeln. Frank Karlitschek betonte zu Recht: Der Nextcloud-Quellcode gehört nicht Nextcloud, sondern allen tausenden von Mitwirkenden – deshalb kann die Open Source-Lizenz nicht geändert werden (es sei denn, jeder einzelne Mitwirkende würde zustimmen).

Mein persönliches Commitment: Ich mache weiter – mit Enthusiasmus und praktischem Engagement. Inzwischen habe ich vier Instanzen am Laufen, und das funktioniert sehr gut. Es geht und ich lerne…

Meine Fragen nach dem Summit

  • Wie können wir die Kluft zwischen Vision und Umsetzung schließen?
  • Was hindert uns daran, vom Konjunktiv zum Indikativ zu wechseln?
  • Gibt es Wege, Open Source-Geschäftsmodelle zu entwickeln, die Einfachheit belohnen statt Komplexität?
  • Wie können wir sicherstellen, dass Services echten Mehrwert bieten, ohne künstliche Abhängigkeiten zu schaffen?
  • Welche Rolle können wir als Gemeinschaft dabei spielen?
  • Wie können wir aus der Abhängigkeit von BigTech eine echte europäische Alternative schaffen?

Lernen von den Erfolgreichen

Ein wichtiger Hinweis aus Schleswig-Holstein: Es gibt kein Greenfield bei Migrationen. Eine Migration zu einem neuen System verwandelt Experten des alten Systems in Anfänger des neuen – das ist eine große psychologische Aufgabe. Wir müssen ihre Vergangenheit, Ängste und Zweifel respektieren – ihr Verhalten, verbundene Services, Expertise, Erfahrungen und Datenquellen.

Die Universität Münster führte eine wichtige Studie durch: Woher bekommen Menschen ihr Wissen und ihre Meinungen? Aus Marketing und Algorithmen, die in BigTech-Portalen wie YouTube oder bei Jüngeren TikTok oder Instagram eingebettet sind. Das Anbieten von Optionen – nach unseren ethischen Standards – kann uns unabhängiger von externen Einflüssen auf unsere Gesellschaft machen.

Ein Aufruf zum Dialog

Cristina Caffarras Schlussbotschaft war kraftvoll: „Eurostack – lasst uns bauen, nicht nur regulieren! Hört auf, euch Sorgen zu machen und auf jemanden zu warten, der den Weg vorgibt – fangt an, Software, KI und Lösungen zu entwickeln, die unsere Produktivität unterstützen und echte Probleme lösen. Das Schicksal liegt in unseren eigenen Händen!“

Das Potenzial ist da, der Zeitpunkt ist gut,
und die Notwendigkeit war nie größer.

Die Gewinner der ersten Nextcloud Awards – Signal Foundation, CódigoSur und Schleswig-Holstein – zeigen: Es funktioniert bereits! Großregierungen, große IT-Häuser und Konzerne nutzen es bereits skalierbar.

Die digitale Souveränität, die wir alle wollen, entsteht nicht durch Warten, sondern durch Lernen und Handeln. Open Source funktioniert und man kann das alles lernen – wer das „rundum-Sorglos-Paket“ will – gerät schnell in kritische Abhängigeit.

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