Die mehrtätige Konferenz der Evangelischen Kirche stand unter dem Titel: „Gruß aus der digitalen Küche. Neue Rezepte für die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit“. Im Augustinerkloster zu Erfurt trafen sich dazu die Verantwortlichen für Kommunikation des netzwerk-oe.de

Man könnte meinen – ganz schön „fachfremd“. Kaum eine Institution beschäftigt sich nicht mit den Auswirkungen der Digitalisierung. Für mich ist es immer wieder sehr spannend und bereichernd eine andere Perspektive auf das Thema zu werfen. Ob Polizei, Bundeswehr, Mittelstand, Sozialverbände oder wie hier kirchliche Träger – die Fragen, die Angst, selbst die Voraussetzungen sind sehr ähnlich.

In diesem Artikel fasse ich meine Keynote zusammen:

Links zur Veranstaltung:

 

Eingeleitet wurde die Konferenz von Michael Mädler (twitter.com/MichaelMaedler):

Meine Keynote:

Titel: Ein Aufruf zum Mut haben: „Digitale Zukunft gemeinsam gestalten“

„Never change a running System“ – verneint die Realität

es gibt heute kaum einen Unternehmens-systemrelevanten Aspekt, der sich nicht verändert – wie kann dann das „System“ noch unverändert sinnvoll/erfolgreich sein?

ZukunftsPlanung ohne „verlernen“ erzeugt nicht-zukunftsfähige Ergebnisse

Digitalisierung ist da. Die Frage ist längst nicht mehr ob, noch nicht mal wann. Das „Wie“ muss geklärt werden. Wer dabei zu schnell in Planungsmodus verfällt, kann in meinen Augen nur verlieren. Genau das passiert aber oft. Mit existierendem Wissen, vorhandenen Kompetenzen und aktuellen Führungskräften, wird einen Zukunft geplant, die in vielen Bereichen nicht mit dem was wir schon können, gelöst werden kann.

Wir brauchen Zeit zum Orientieren, Experimentieren, neu verknüpfen, Austausch mit digital Natives, erfolgreichen Startups aber auch Philosophen, Kritikern und „unseren Zielgruppen“. Es geht darum „Gelerntes“ zu hinterfragen, weil sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Viele „wissen?“ heute, wie eine Organisation funktioniert, wie Kundenverhalten einzuschätzen ist oder Märkte reagieren – und stellen plötzlich fest, das diese „Glaubenssätze“ nicht mehr funktionieren, oder andere plötzlich doch:

  • Man kann nicht mit allen reden … doch das geht
  • Wenn ich den Kunden fragen würde… dann kauft er auch mein Produkt
  • Das können wir nicht leisten… im Netzwerk schon
  • Wir brauchen keine Kuschelecken… doch
  • Ein kleines Unternehmen kann großen nicht gefährlich werden … und wie
  • To big to fail … failed
  • Das können die Mitarbeiter nicht … vielleicht sogar besser, weil betroffen?

 

Das Effizienz Dilemma:

Ich behaupte das der Grad der Effizienz einer Organisation direkt mit ihrer Veränderungsfähigkeit und -Geschwindigkeit zusammenhängt. Wer maximal strukturiert, effizient und produktiv ist, hat in sein Modell hoffentlich Zeit eingebaut, in der NICHT produktiv gearbeitet wird (lernen, beteiligen, spielen, relaxen, experimentieren, sozialer Austausch…).

In der Realität ist dafür aber selten Zeit vorgesehen und Effizienz- und Produktivitätsoptimierte Unternehmen sind dazu oft auch nicht in der Lage, veränderungsnotwendige Verhalten „plötzlich“ zu erlauben, zu entwickeln und einzusetzen. Die Belegschaft hat also schlicht keine Zeit zum Lernen und wurde durch falsch verstandene Qualitätsoptimierung und Verschwendungsvermeidung (lean) so konditioniert, sich an Regeln zu halten, Prozessen zu folgen, Verantwortung abzugeben…

Veränderungsfähigkeit
bedeutet eine Investition in Menschen.

 

Share. Work. Collaborate.:

In unserem aktuellen Projekt geht es uns um genau diesen Kulturwandel, ein neues Arbeitsverhalten zu etablieren, das sowohl Effizienz und Produktivität steigert, als auch die neuen Möglichkeiten einer digitalen und vernetzen Welt nutzt. Wichtig ist uns dabei dass Produktivitätssteigerung nicht (wie früher oft) durch mehr Arbeit in kürzerer Zeit = Stress erreicht wird, sondern die digitalen Möglichkeiten zu nutzen um mit weniger Arbeit (klicks) mehr zu erreichen (z.B. skallierbare Wirkung).

SHARING:

  • sharing fängt mit geben an
  • sharing bedeutet bessere Antworten (Reichtum von Diversität)
  • Antworten müssen erst geteilt werden bevor sie DICH FINDEN können*

*bisher mussten wir nach Antworten suchen. Je mehr Transparenz im Entstehungsprozess, je höher der Vernetzungsgrad und je „wertvoller“ die Verbindungen, um so öfter erhält man auch Antworten, bevor man die Frage formuliert hat. Auch wird durch Beteiligung auch die Qualität der Entscheidungsgrundlagen erhöht. Idealerweise kann man zwischen Netzwerken und dedizierter Facharbeit oszillieren. Mehr dazu hier

WORK:

Wie oben bereits geschrieben ist unser Ziel die Arbeit mit einer reifen Nutzung der digitalen Möglichkeiten zu erleichtern. Dazu sehen wir uns Prozesse, gewünschte Arbeitsergebnisse und moderne Tools sowie deren Nutzungsmöglichkeiten an. Oft gibt es für eine Tätigkeit verschiedene Tools zu Auswahl. Aus Erfahrung verwenden wir oftmals die Werkzeuge, die wir kennen, nicht die am besten geeigneten.

Dabei sollte man sich auch bestehendes Verhalten ganzheitlich ansehen – uns sind dabei teils dramatische Ineffizienzen aufgefallen.

Beispiel: Wenn nur zwei Kollegen an einem Dokument arbeiten (z.B. Review oder tatsächliches CoCreation), und das noch auf die althergebrachte Weise per eMail hin und herschicken, entstehen bei JEDEM Austausch 3 Versionen und insgesamt SIEBEN Kopien der Datei:

Deshalb:
„Stop sending – Start sharing“!

 

COLLABORATE:

Veränderungsfähigkeit und -Geschwindigkeit

Das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis, dass wir gemeinsam mehr erreichen können. Dennoch ist virtuelle Zusammenarbeit (obwohl das inzwischen fast überall üblich ist – z.B. international, Teilzeit, Homeoffice, oder einfach nur über Standorte, oder sogar nur Stockwerke hinweg) für sehr viele noch ein „schlechter Kompromiss“. Nichts geht über persönliche Treffen, keine Frage – aber sollten wir den digitalen Kompromiss nicht langsam professionalisieren?

Zudem kommt die Erkenntnis aus unserem ersten GUIDE Netzwerk: Du bist nicht alleine!

Damit ist gemeint, dass entweder in großen Konzernen, aber auch in Netzwerken immer jemand da ist, der entweder schon die gleiche Frage hatte, oder vielleicht schon eine Antwort hat. Sich fragen zu trauen, um Hilfe bitten zu können hat viel mit Vertrauen zu tun. Das Verständnis gemeinsam mehr erreichen zu können, ist zwar verbal überall präsent, unsere Systeme und Belohnungssysteme unterstützen aber meist noch einzelne Heldentaten. Kleine Gesten wie „Danke“ sagen oder einfach mal kleine Erkenntnisse zu teilen, über Zusammenarbeit zu sprechen(zu schreiben) hilft hier die notwendige Kompetenz aufzubauen.

Hinzu kommt natürlich noch die notwendige Medienkompetenz, die verschiedenen Werkzeuge bedienen zu können, mit denen man sichtbar werden kann, Wissen teilen (Blog, Wiki, Podcast, Video…) und gemeinsam an Themen arbeiten kann.

 

Im Folgenden sind einige Beispiele aufgezählt, wie wir konkret am „New Work Style“ arbeiten:

  • NWS Social Support Forum – User helfen Usern
    Hintergrund: je länger man Probleme delegiert, um so mehr verliert man auch die Kompetenz ein Problem beschreiben zu können. Mitarbeiter wieder etwas mehr in die Selbstverantwortung zu bringen kann hier helfen – parallel versuchen wir dafür auch Freiräume zu schaffen, sowie für Wertschätzung zu sorgen (was in der Regel schnell automatisch passiert)
  • RuleBreaker Workshos – eine Kreativitätstechnik
    Um aus den eingefahrenen Denkmustern ausbrechen zu können verlangen wir hier bei den Teilgebern, bestehende Regeln (nicht Gesetze) zu brechen und keine Gedanken oder Ideen durch zu schnelle „aber“ Kritik auszubremsen.
  • Die 12 LernTypen – „Mit Leuten reden, statt über sie“
    Global haben wir Interviews geführt, Umfragen gemacht und versucht herauszufinden, wie unsere Mitarbeiter lernen „wollen“. Jetzt stellen wir für diese adequate Angebote bereit.
  • Das GUIDE Netzwerk – gemeinsam mehr erreichen
    In der „Version 2“ wollten wir 800 neugierige Kollegen finden, mit denen wir als globales und diverses Change Agent Netzwerk die Kommunikation und Zusammenarbeit in der Continental Welt verbessern. Scheinbar hat unsere erster Ansatz eine gute Reputation aufgebaut – wir haben mehr als 2100 Nominierte…
  • Maximale Beteiligung und Transparenz vom ersten Tag
    Mit unserer 42er Community konnte sich jeder Mitarbeiter vom ersten Tag an an diesem Projekt beteiligen. Nicht nur Informationen, Termine, auch Protokolle, Diskussionen und Ergebnisse sind dort fast live mitverfolgbar. Über 18.000 Kollegen tun das aktuell
  • Spotlight On – Wertschätzung GROß geschrieben
    Könnte noch viel mehr sein, aber wir verbinden Themen mit Menschen und machen so das Projekt persönlich. Nicht mehr irgendwelche „zentralen, anonymen WasserkopfOrganisationen“ rollen etwas aus, sondern Menschen geben Ihr Bestes, fragen, beteiligen sich, verändern und entwickeln gemeinsam einen Weg für unsere Mitarbeiter. Nebenbei wird dadurch unser „New Work Style“ selbst – sichtbar und erlebbar… Vorbildwirkung… und keiner kann mehr sagen „es geht nicht“ ;-)
  • Vertrauen als Basis – wer gibt, bekommt
    Vertrauensvereinbarungen, Disziplin und Verantwortungsübergabe… Es ist aufwändig und oft mühsam Vertrauen aufzubauen, wenn es aber gewonnen ist, öffnet es ungeahnte Türen. Unser Manifest mit dem Betriebsrat ist eines der besten Beispiele, wie aus Risikominimierung durch Einschränkungen jetzt Offenheit und Vertrauen wurde. Nebenbei ist die von früher bekannte Methode „Ich muss alles kontrollieren (können)“ im komplexen, vernetzten Themen nicht mehr zielführend ist.

 

Zum Schluss war mir noch ein Gedanke, der mich immer mehr bewegt, sehr wichtig:

In vielen Konferenzen, Debatten und Sendungen, aber auch in der täglichen Auseinandersetzung mit der Digitalisierung (egal ob Big Data, Smart Factory, Mobility, New Work, neue Geschäftsmodelle, Automatisierung, neue Jobs…) kommt es mir so vor, als wären wir getrieben vom „technologisch Möglichen“ anstelle vom „für Menschen Sinnvollen“. Ich möchte meine Energie dafür verwenden, eine lebenswerte und erstrebenswerte Zukunft mitzugestalten.

Wer nur – logikorientiert – digitalisiert, automatisiert und nur Effizienz und Produktivität im Fokus hat, generiert eine Zukunft, in der für Menschen kein Platz mehr ist. Maschinen, Roboter und Software/Algorithmen sind uns heute schon in Teilbereichen haushoch überlegen. Ich möchte Digitalisierung als Unterstützung eines Ziels, das für uns erstrebenswert ist.

Dabei werden – in meinen Augen – vor allem in der Mitte der Wertschöpfungskette (also Produktion: Produkte, Texte, Service) viele Jobs durch Automatisierung wegfallen. Alles was durch Algorithmen (Abläufe) beschrieben werden kann, ist gefährdet. Das bedeutet das wir unsere Kompetenzen entweder in der Kreativität, Innovation, Analytik und Gestaltung oder aber in der Arbeit mit Menschen (Kunden, Auftraggeber… statt B2B oder B2C: Mensch zu Mensch) weiterentwickeln müssen. Aber auch hier werden digitale Assistenten unsere Arbeitswelt dramatisch verändern. Besser ist es hier mitzugestalten.

Die Präsentation auf Slideshare: